Wie wird Homosexualität in „Friends“ inszeniert?

Eine Einstellung haben viele Analysen von Friends gemeinsam: Friends sei homophob. Während ich Friends zwar mag, stimme ich zu, dass die Serie ganz starkes Bodyshaming betreibt, vor Sexismus trieft, rassistische Strukturen bedient und privilegierte Menschen in den Mittelpunkt stellt – deren Inszenierung alle abwertet, die davon abweichen. Aber in diesem Artikel möchte ich mir ansehen, wie Friends eigentlich Homosexualität porträtiert. 

Wir sprechen über eine Serie, die zwischen 1994-2004 ausgestrahlt wurde und sechs Hauptfiguren zentriert (Joey, Rachel, Monica, Phoebe, Chandler, Ross), die gleichermaßen relevant dargestellt werden und ständig voneinander umgeben sind. Sowohl die Reaktionen der anderen Charaktere als auch der Ausgang der jeweiligen Folgen sind während einer Analyse relevant zu betrachten. Serien arbeiten, wie der Name bereits verrät, in einem seriellen Format. In einer 20minütige Folge wird also ein gewisser Rahmen gespannt und eine kurze Geschichte erzählt, die gleichzeitig mit den anderen Folgen der Serie verknüpft wird. Aus diesem Grund ist es sinnvoll, ganze Folgen zu besprechen, vor allem wenn sie am Ende gewisse Muster auflösen. Es geht Serien um eine Erzählung und um eine – wenn auch sehr eingeschränkte – Entwicklung der Charaktere, die wir begleiten. Dass dabei auch homophobe Klischees bedient werden, steht außer Frage, aber ist das die einzige Darstellung von Homosexualität in Friends? Wird sie thematisiert oder gezeigt? Wird herablassend mit ihr umgegangen, neutral oder liebevoll? 

Hier sind fünf Blicke auf die Inszenierung von Homosexualität in Friends: 

 

1. Ein lesbisches Paar 

In der Serie wird ein lesbisches Paar über alle Staffeln hinweg gezeigt. Es wird zwar immer wieder klischeebesetzt über lesbische Frauen in der Serie gesprochen – vor allem Joey wird nicht müde zu erwähnen, dass er einen Anreiz in der Vorstellung von zwei Frauen, die sich küssen oder berühren, findet und auch Monica und Rachel werden zur Zielscheibe dieser Gedanken – doch wir befinden uns auch im Jahr 1994 und ein lesbisches Pärchen ist ganz selbstverständlich in die Geschichte eingeflochten. Ross wird immer wieder damit aufgezogen, dass seine Frau sich als lesbisch herausgestellt hat, und zwischen ihm und Susan (die Frau seiner Ex-Frau) herrscht immer ein Konkurrenzkampf. Das wäre für Darstellungen von neuen Partner*innen von Ex-Freund*innen allerdings nicht untypisch und bezieht sich nicht per se auf ihre Sexualität. 

Im Mittelpunkt stehen vor allem zwei Frauen, die wertschätzend und liebevoll miteinander und mit anderen umgehen, heiraten, akzeptiert werden, ein Kind gemeinsam erziehen, und wegen ihrer Sexualität von den Friends nicht ausgestoßen werden. Außerdem spielen zwei recht feminin inszenierte Frauen die Rollen, wodurch keine Klischees über „lesbisches Aussehen“ angeheizt werden (Argument: male gaze – klar, sie dienen der Lust des männlichen Publikums; Gegenargument: Klischeehafte burschikose Inszenierung von homosexuellen Frauen ist sehr üblich). In ihren Erzählsträngen steht nicht außer Frage, dass ihre Liebe echt ist und sie nicht wegen ihrer Homosexualität abgewertet werden (sie werden eher fetischisiert, das werden andererseits alle weiblichen Figuren). 

2. Ross und Männlichkeit

Ross Ansichten über Männlichkeit fallen immer wieder negativ auf und verstärken ein Bild toxischer Männlichkeit. Meist backfired sein Verhalten allerdings. 

2.1 Ross und die männliche Nanny 

Rachel und Ross suchen eine Nanny für ihre Tochter Emma. Alle Bewerberinnen scheinen ungeeignet zu sein, bis sich schließlich eine männliche Nanny vorstellt und sich als qualifiziert beweist. Die männliche Nanny versteht sich gut mit der Tochter, versteht viel von seinem Job und für Rachel ist er ein Volltreffer. Ross kommt innerhalb der Folge allerdings nicht mit ihm zurecht, weil er sehr feminin, sanft und fürsorglich agiert. Ross wirft mit toxisch männlichen Aussagen innerhalb der Folge um sich. Ein femininer Mann wird in seiner Männlichkeit also abgewertet, als schwul konnotiert und folglich als kein ‚richtiger Mann‘ empfunden. Wie bereits oben erwähnt, spielen aber auch andere Figuren in der Serie Hauptrollen und reagieren auf das Verhalten ihrer Friends. Dabei fällt auf, dass sich alle anderen Figuren gut mit der Nanny verstehen. Rachel betont oft, dass Ross übertreibt und sein Verhalten absurd ist. Am Ende der Folge spricht Ross sich mit der Nanny aus und gesteht, dass er die Konfrontation nicht aushält, weil er selbst in seiner Kindheit immer als zu feminin bezeichnet worden ist und gelernt hat, dass er das überspielen muss. 

2.2 Ross und die Puppe 

Ross Sohn spielt mit einer Puppe und Ross rastet aus. Er versucht ihn von „männlich“ konnotiertem Spielzeug zu überzeugen. Obwohl das problematisch ist, finde ich es dennoch erwähnenswert, dass erstens alle anderen Figuren absolut kein Problem mit Bens Spielzeug-Präferenz haben, sie ihm zweitens trotz Ross Missfallen die Puppe zum Spielen geben und  drittens unentwegt betonen, wie absurd sich Ross verhält. Das beste an der Folge kommt allerdings zum Schluss, als Monica von dem Jahr erzählt, in dem Ross als Kind nicht nur mit Puppen gespielt, sondern sich feminin gekleidet hat und einen weiblichen Namen bevorzugt hat. Ross Argumente verlieren dadurch an Stabilität. Natürlich lassen sich auch hier wieder andere Analysewege schließen. 

Während Ross Verhalten ein Negativbeispiel beschreibt, werden seine homophoben Äußerungen von den anderen Figuren nicht immer unterstützt und fallen manchmal auf ihn zurück. Sinnvoll ist so eine Darstellung natürlich dennoch nicht. 

 

3. Joey küsst Männer 

Joey wird als Frauenheld inszeniert und gilt als der „männlichste“ Mann der Runde. Es ist interessant, dass er Männern nicht nur oft körperlich nah ist, sondern auch kein Problem damit hat, sie mal zu küssen (zB um für eine Schauspielszene zu proben). Es lässt sich argumentieren, dass diese Inszenierung nur möglich ist – ohne dass sein Image dabei bricht – eben weil er als so stabil „männlich“ inszeniert wird, dass solche Szenen einen komödiantischen Bruch erzeugen, ohne dabei eine „Gefahr“ für seine Heterosexualität zu sein. Ist diese Inszenierung also cool und offen oder sagt sie aus, dass es nur okay ist, weil „der ja sicher nicht schwul ist, und das ist einfach nur lustig und ermächtigend.“

 

4. Chandler ist schwul aber Chandler ist nicht schwul

Dass Chandler ständig – auch in abwertendem Sinn – als schwul bezeichnet wird, nur weil er „feminin“ attribuiert wird, ist nicht zu leugnen. Er reagiert nicht immer beleidigt und nimmt den Running Gag hin; nicht unterstützbare Verbindungen von Homosexualität und „Unmännlichkeit“ oder Homosexualität und Abwertungen werden dennoch gezogen.

 

5. Die Männer  

Die drei männlichen Hauptfiguren bilden Joey, Ross und Chandler. Zwei von ihnen werden feminine Attribute zugeordnet (Ross und Chandler) und Joey wird mit überaus klischeehaft männlichen Attributen behaftet. Obwohl darüber gescherzt wird, dass Chandler schwul sei, stellt er sich niemals als schwul heraus. Die sehr männliche Figur des Joey gerät aber tatsächlich in homosexuell aufgeladene Situation und verliert dabei seinen Status nicht. Das kann, wie oben beschrieben weiter argumentiert werden. Ich befürchte allerdings, dass alle männlichen Figuren als stabil heterosexuell erhalten werden können, weil sie sich sexistisch verhalten. Die Abwertung der Frau würde in dem Fall der Aufwertung des Mannes dienen, was kein überraschendes Muster wäre. Die Struktur ist auf jeden Fall interessant.  

 

Resümee 

Das Resümee dieser kurzen Auflistung scheint mir sehr ambivalent zu sein. Es lassen sich ständig neue Argumente und Sichtweisen finden. Sitcoms sind eine Welt für sich. Sie bedienen viele Klischees, leben von flachen Witzen, Archetypen und von einem sehr einfältigen Blick auf die Welt. Homophobie ist da nicht weit entfernt – auch in Friends nicht. Dennoch darf einer Serie aus den 90ern auch zugestanden werden, dass sie Homosexualität teilweise positiv konnotiert erwähnt und sie überhaupt erst (in wertschätzendem Kontext) thematisiert (das lesbische Paar). Dennoch scheint von Homosexualität für den Status der Männer eine gewisse Gefahr auszugehen und Frauen in homosexuellem Kontext vor allem als Fetisch zu funktionieren. Friends sollte auf jeden Fall mit dem Bewusstsein angesehen werden, dass problematische Darstellungen stattfinden und reflektiert werden. Die Auseinandersetzung mit Homosexualität in Friends landet meiner Meinung nach aber immer wieder bei dem Hauptproblem der Serie: Sexismus. 

About The Author


Ani

Ani hat Theater-, Film- und Medienwissenschaften mit dem Fokus auf feministischen Filmtheorien studiert und setzt sich künstlerisch in Form von experimentellen Filmprojekten und Musik mit Verletzlichkeit und Intimität auseinander.