Wieso mich Cinderella geschädigt hat

Film ist ein Medium, das uns alle umgibt und von Kindheit an prägt. Die Erzählstrukturen, derer sich viele Filme bedienen, folgen Wertvorstellungen, die es aufmerksamer zu verfolgen gilt. Cinderella ist ein interessantes Beispiel, da sich der Ablauf der Erzählung in vielen Filmen wiederfinden lässt.
Wenn ich Cinderella analysiere, wundert es mich nicht, welches Bild vom Frau-Sein wir in uns verankert haben und welchen Idealen Frauen* gerecht zu werden versuchen. Ich möchte den Filmen nicht ihren Zauber absprechen, sondern ein Bewusstsein dafür schaffen, was wir eigentlich konsumieren. Um dann die Möglichkeit zu haben, uns vor problematischen Frauendarstellungen zu distanzieren, wenn sie uns begegnen! Und das gilt sowohl für Männer*, als auch für Frauen*. 

 

  Photo by Hatice Yardım on Unsplash

 

Zuerst: Der-Makeover-Film

Der Begriff Makeover umfasst jegliche Art von äußerlicher Rundum-Veränderung. Die Verwandlung einer unscheinbaren und „normalen“ Frau in eine (Sex-)Göttin hat sich auch als eigenes Film-Genre etabliert. Es handelt sich dabei um sogenannte Makeover-Filme, die offensichtlich mit der Zur-Schau-Stellung des weiblichen Körpers gekoppelt sind. Dazu zählen beispielsweise: Disneys Cinderella, jede Cinderella-Verfilmung, Pretty Woman, Girls Club, Plötzlich Prinzessin, Easy A, Der Teufel trägt Prada, Miss Undercover, My Fair Lady, Clueless,…

 

Cinderella, Cinderella, Tag und Nacht nur Cinderella

Cinderella gilt als die erste Makeover-Geschichte überhaupt. Unter anderem von Perrault und den Gebrüder Grimm niedergeschrieben, orientieren sich viele Filme an der Erzählung und nutzen sie als Schablone oder Inspiration. Um den Hauptpunkt, nämlich das Makeover, herauszuheben, habe ich die Verwandlung von Cinderella zusammengefasst: In allen Cinderella-Versionen wirkt Cinderellas Auftritt, Dank ihrer Transformation, magisch. Während sie zunächst nicht beachtet wird, überrascht sie mit ihrem glamourösen Aussehen, indem sie die Wirkung ihres Makeovers beim Ball (oder: einer Veranstaltung,…) präsentiert. Sie reduziert sich also auf ihr Aussehen und wird sofort von ihrer Außenwelt und vom Prinzen wahrgenommen (was bringt uns das als Zuseher*innen bei?). Obwohl der Prinz Cinderella in den meisten Fällen schon vor ihrer Verwandlung begegnet ist, erkennt er sie auf dem Ball nicht wieder. Das verdeutlicht, dass sie erst durch Veränderungen und mit Hilfe ihrer Körperlichkeit (mit Ideal-Maßen) seine Aufmerksamkeit erlangen konnte.

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Makeover-Produktionen von „heute“

Die Hauptfigur von Makeover-Filmen ist meist ein Mädchen oder eine Frau, die als Außenseiterin inszeniert wird. Wie das filmisch gezeigt wird? Meistens trägt sie eine Brille, hat ungepflegte oder zugebundene Haare, buschige Augenbrauen, trägt kein Makeup und hat einen unkonventionellen oder unvorteilhaften Kleidungsstil. Obwohl ihre Intelligenz und ihr guter Charakter schon am Anfang des Films etabliert werden, zeigt sie sich unsicher und zurückhaltend. Dass sie unsichtbar für die Augen der anderen ist, wird schnell klar. Ein Makeover wird ihr deswegen als Einstiegskarte in eine bestimmte Gruppe vorgeschlagen. Andere Figuren helfen ihr dabei, das perfekte Aussehen zu erreichen, um schön zu sein, beliebt zu sein und die Aufmerksamkeit des Schwarms zu erlangen!

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Nach ihrem Makeover wird die Protagonistin wie von Zauberhand von ihrer Umwelt wahrgenommen. Im Moment ihres ersten Auftritts nach ihrem Makeover ruhen alle Blicke auf ihr. Alle scheinen erstaunt, interessiert und zu ihr hingezogen zu sein. Dabei wird auch ihr Schwarm auf sie aufmerksam und verliebt sich natürlich in sie (was bringt uns das als Zuseher*innen bei?).

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Du bist nur wertvoll, wenn du nicht du bist

Was bringen uns diese Filme bei? Der typische Makeover-Film lügt uns vor, dass außer Schönheit, Nichts ausreicht, um als wertvoll wahrgenommen zu werden. Vermittelt wird eine Kopplung von Aussehen mit Wertschätzung oder Liebe. Die Hauptfigur wird körperreduziert und anonymisiert zur Schau gestellt für die Blicke der anderen Figuren, als auch – ausgelöst durch filmischen Mittel – für die Blicke der Zuseher*innen. Der „male gaze“  ist nicht zu leugnen, obwohl Makeover-Filme als „Frauenfilme“ gelten.
Die Hauptfigur bedient sich folglich eines Idealbildes, um von anderen bzw von der Gesellschaft akzeptiert und begehrt zu werden. Fetischisierung und Abhängigkeit werden also romantisiert. Die starke Reduktion aufs Äußere verschiebt die Figur zu einem inhaltslosen Objekt. Es findet eine Entfremdung statt, aber hey, hauptsache sie ist schön und wird begehrt.
Leider verwandeln sich diese Mitteilungen zu unseren Gedanken, unserer Realität, unseren Überzeugungen. Vor allem weil wir sie bereits als Kinder zu internalisieren beginnen. Solche filmischen Vermittlungen sind gefährlich und richten Schaden in uns an, wenn uns niemand sagt, dass die Werte dahinter keine anstrebenswerten sind und nur kapitalistische und patriarchale Ziele verfolgen!
Wir lernen, dass wir schön sein müssen, perfekte Maße haben müssen, uns verändern müssen, um es uns zu verdienen oder es wert zu sein, beachtet (!) zu werden. Wir lernen auch, dass es keine andere Möglichkeit dafür gibt, liebenswert zu sein und koppeln Liebe und Begehren. Wir lernen, dass wir abhängig von der Bestätigung anderer sind.

 

Was will ich daraus mitnehmen? 

(Kindheits-)Filme mit einem hinterfragenden Blick anzusehen und eine gewisse Vorsicht gegenüber beeinflussenden Mitteilungen zu entwickeln, ist sehr relevant für unsere Film-Praxis: Was sehe ich da an? Tut es mir gut? Wie wird die Frau dargestellt? Sehe ich Ideal-Produktionen, denen ich ausweichen möchte? Solche Fragen helfen dabei, uns der Botschaften der Filme bewusst zu werden und sie nicht (oder: weniger) zu internalisieren.

 

Körperreduzierte Frauen-Darstellungen sind zwar toxisch und absurd, aber – auch in Kinder- und Teenie-Filmen! – allgegenwärtig. Das zu erkennen hilft, um nicht weiter in toxische Muster zu verfallen oder um toxische Muster in uns nachvollziehen zu lernen und langsam zu lösen. Es ist erschreckend, wie viele unrealistische und problematische Erwartungen an uns selbst wir durch unseren Film-Konsum schon in jungen Jahren sammeln. Deswegen sind Filme ein guter Ort, um sich mit den eigenen Gedanken und Idealen zu befassen. 

About The Author


Ani

Ani hat Theater-, Film- und Medienwissenschaften mit dem Fokus auf feministischen Filmtheorien studiert und setzt sich künstlerisch in Form von experimentellen Filmprojekten und Musik mit Verletzlichkeit und Intimität auseinander.