Queerer Zeitvertreib: 10 Film- und Serienempfehlungen

Willkommen zum ersten Teil meiner queeren Zeitvertreibs-Liste. Dieser Blog-Beitrag ist nicht exklusiv für queere Menschen gedacht, sondern für alle, die sich für die Queerness auf der Welt interessieren oder mehr Perspektiven in ihr Leben einladen möchten.

Die Isolations-Phase wirkt – zumindest für mich – sehr verlockend für einen gesteigerten Netflix und Co.-Konsum. Aber nach all den Filmen, in denen es um straight people geht und all den Serien, die ich bereits fünfmal gesehen habe, ist mir ziemlich langweilig und ich fühle mich mit ganz viel Fremdem zugeschüttet.

 

Renate Vanaga

 

WIESO QUEERE FILME UND SERIEN?

Ich habe deswegen angefangen, mich wieder vermehrt queeren Filmen und Serien zuzuwenden. Es tut so gut, wenn auch mal queere Identifikationsfiguren auf dem Bildschirm zu sehen sind a.k.a Repräsentation stattfindet. Es ist einfach ein ganz anderes Gefühl, nicht immer nur heteronormativen Bildern ausgesetzt zu sein. Das gilt nicht  nur für queere Zuseher*innen, sondern für alle: Die Welt besteht nunmal aus mehr als einer Sexualität und „einer richtigen“ Lebensweise. Folglich sollten Medien das auch widerspiegeln.

 

WO STEHEN QUEERE FILME UND SERIEN IN IHRER ENTWICKLUNG?

Es ist 2020 und die Repräsentation queerer Charaktere in Filmen und Serien steigt immer mehr an. Durch Netflix werden beispielsweise queere Figuren in immer mehr Serien eingewoben, ohne dabei überspitzte Klischees zu bedienen. Gleichzeitig bekommen nur wenige queere Figuren den Erzählstrang einer Hauptfigur zugeschrieben.
Das ist zwar ein Anfang, doch trotzdem existieren nicht annähernd genug Filme oder Serien, in denen die Geschichten und Perspektiven queerer Menschen (als Haupterzählungen) gezeigt und erzählt werden. Darüber hinaus existieren auch nicht genug queere Filme und Serien, deren Inhalt von tatsächlich queeren Filmemacher*innen, Regisseur*innen, Drehbuchautor*innen, geschweige denn schwulen, lesbischen, trans,…. Schauspieler*innen gefüllt werden.
Dadurch kommen im Diskurs zu queeren Filmen und Serien immer wieder Fragen auf wie: welche Perspektive wird hier eigentlich produziert? Wer erzählt und wessen Blick führt uns (Regie, Drehbuch,…)? Folgt der Film dem male gaze, der sich hinter der „Fortschrittlichkeit“ einer queeren Erzählung vielleicht einfach nur gut getarnt hat?
Sich mit diesen Fragen zu beschäftigen, bedeutet allerdings nicht, dass alle Zuseher*innen zur selben allgemein gültigen Antwort kommen werden oder müssen, oder dass alle queeren Filme, die von heterosexuellen Männern gemacht wurden, schlecht sind. Ich möchte nur betonen, dass Filme und Serien, die queeren Geschichten folgen, nicht automatisch einen offenen, neuen und queeren Blickwinkel einnehmen, unter anderem weil nicht immer queere Personen hinter den Produktionen stehen. Ich finde es gut, sich dessen bewusst zu sein.

Lange Rede kurzer Sinn: Los geht’s!

 

10 QUEERE FILME UND SERIEN

 

PARIAH (2011)

  • Arthouse-Drama
  • lesbian
  • Es geht um eine 17-jährige Afroamerikanerin, die in New York lebt und anfängt ihre Homosexualität zu entdecken und zu leben. Sie stößt allerdings in ihrer Familie auf Widerstand. Wie ist das, wenn du nicht sein darfst, wer du bist?
  • Ich finde den Film poetisch und nah.
    Pariah wurde von einer queeren, afroamerikanischen Frau entwickelt (Drehbuch und Regie). Diese Perspektive, die Pariah dadurch einnimmt, finde ich sehr relevant. Sie transportiert sich spürbar durch den Film hindurch und bereichert ihn damit.

 

 

BROKEBACK MOUNTAIN (2005)

  • Romantisches Drama
  • gay
  • Es geht um den Verlauf einer Liebesbeziehung zwischen zwei Cowboys und die Schwierigkeiten, die mit diesem Verhältnis einhergehen. Die Hürden auf dem Weg zur Akzeptanz oder dem Zugeständnis der eigenen Sexualität, die gesellschaftlichen Ansprüche an Männer als auch Ausstoß und Verbindung sind zentrale Themen in Brokeback Mountain.
  • Der Film ist meiner Meinung nach einfach ein Klassiker und absolut sehenswert. Er erzeugt für mich ein ganz bestimmtes Gefühl von Nähe und Distanz. Ein Film, der definitiv hängenbleibt.
    Ps: 3 Oscars gewonnen

 

 

TRANSPARENT (2014 – 2019)

  • Dramedy-Serie (Staffel 1-4)
  • trans, gay, bi, poly, non-binary,…
  • In Transparent steht die Familie Pfefferman im Mittelpunkt. Diese besteht aus Maura (transsexuell), ihrer Ex-Frau Shelly und deren drei gemeinsamen (erwachsenen) Kindern. Die Serie startet mit dem Fokus auf Mauras Outing als Transfrau. Die Perspektiven der anderen Familienmitglieder werden aber gleichermaßen bespielt. Verschiedene Sexualitäten und Lebensweisen werden dadurch sichtbar gemacht. Die Religion der Familie bekommt in der Serie ebenfalls einen prominent Platz: Wer waren unsere Vorfahren? Wie leben wir unser Judentum?
  • Transparent ist für mich eine der beeindruckendsten Serien, die ich bislang gesehen habe. Erstens ist die Serie von Frauen entwickelt, geschrieben und gefilmt worden, was beim Ansehen spürbar wird (vor allem im Umgang mit so vielen fragilen Themen). Zweitens erzählt sie von mehreren Menschen und dadurch von vielen verschiedenen Sexualitäten, Findungsprozessen und Beziehungen. Ich finde die Serie besonders spannend, weil uns als Zuseher*innen die Möglichkeit gegeben wird, jede einzelne Figur (Erinnerungen, Emotionen, Entwicklungen,…) ganz nah und facettenreich beobachten zu können.
    Wichtige Info: Gegen Jeffrey Tambor, der in der Rolle der Maura zu sehen ist, wurden Belästigungsvorwürfe erhoben (me too). Er wurde daraufhin sofort aus dem Cast gekündigt und die Serie folglich nicht wie geplant weitergedreht. Die fünfte Staffel wurde schließlich als die letzte verkündet. In dieser kommt er nicht mehr vor. Die fünfte Staffel besteht aus einer Musical-Folge in Spielfilmlänge. Sie fällt aus dem ursprünglichen Stil teilweise heraus. Ich habe mich deswegen hier nur auf Staffel 1-4 bezogen.

 

 

LA BELLE SAISON – EINE SOMMERLIEBE (2015)

  • Melodram
  • lesbian
  • Es geht um eine Gruppe junger Frauen, die 1971 um Frauenrechte kämpfen und Aktionen organisieren. Der Bruch zwischen dem Leben am konservativen Land und dem freien Leben in Paris spielt eine wichtige Rolle in der Handlung. Im Zentrum steht die Liebesbeziehung von zwei Frauen, die zwischen diesen Welten zueinander finden. La belle saison – eine Sommerliebe erzählt von Unsicherheiten und ersten Malen.
  • Der Film wirkt für mich sehr lebendig – eben wie eine Sommerliebe so ist. Der französische Filmstil unterstützt das sehr. Dennoch enthält er auch tragische Momente, sobald in die Zerrissenheit und Unsicherheit der (Haupt-)Figur(en) hineingefilmt wird.

 

 

PLEASE LIKE ME (2013 – 2017)

  • Dramedy-Serie
  • gay
  • In Please Like Me geht es um einen jungen Mann, der seine Homosexualität erkennt und anfängt, sie auszuleben. Freundschaften und psychische Krankheiten in der Familie spielen ebenfalls eine wichtige Rolle in der Serie.
  • Josh Thomas, der selbst schwul ist, hat die Serie nicht nur entwickelt und an den Drehbüchern mitgewirkt, sondern hat auch die Hauptfigur des Josh verkörpert. Dadurch entsteht in der Serie eine spannende Blickperspektive. Die Serie hat außerdem sehr viel Humor (auch schwarzen). Der Humor und die Umgangsformen der Hauptfigur sind teilweise total weird, aber genau das macht die Serie so unterhaltsam, greifbar und authentisch. Ich finde Please Like Me sehr empfehlenswert.
    Vorwarnung: die ersten 1-3 Folgen haben einen klischeehaften Touch, der sich aber auflöst. Außerdem gibt es die Serie nur mit englischer Audio (australisches Englisch), dafür aber mit Untertiteln in verschiedenen Sprachen.

 

 

PARIS IS BURNING / PARIS BRENNT (1990)

  • Dokumentation
  • gay, trans, drag
  • Paris is burning stellt ein wichtiges Zeitzeugnis der Schwulen- und Transgenderszene, so wie der afroamerikanischen und Latino-Community, in New York in den 1980er Jahren dar. Ballroom Culture und mit ihr einhergehend also auch Drag-Vorführungen werden in den Mittelpunkt der Dokumentation gestellt. Immer wieder werden Interviews gezeigt, die den Alltag der Menschen, Hintergrundinfos zur Ballroom Culture und die Motivation der Teilnehmer*innen mitzumachen, näher beleuchten.
  • Paris is burning ist eine gesellschaftlich relevante Dokumentation, die man sich ansehen sollte. Sie enthält sehr wichtige Informationen zur Schwulen-, Trans- und Dragszene und bietet Blicke hinter die Kulissen der damaligen Zeit.
    Außerdem ermöglicht die Dokumentation den heutzutage gedrehten Filmen und Serien, die von Ballroom Culture erzählen, ein Basis-Verständnis. Nicht ohne Grund wurde beispielsweise die Serie „Pose“ von Paris is burning inspiriert. Auch für „RuPauls Drag Race“ hilft der Einblick von Paris is burning zu einem umfangreicheren Verständnis für die Drag-Kultur.

 

 

LAURENCE ANYWAYS (2012)

  • Romantisches Drama
  • trans
  • Der Film beschäftigt sich mit dem Leben und der Langzeit-Liebesbeziehung einer Trans-Frau. Laurence mutiger und schwieriger Weg zur Selbstverwirklichung, die sich verändernde Liebesbeziehung während der transition, die Auswirkungen auf die Familie und die Reaktionen der Gesellschaft stehen im Fokus.
  • Der Film fällt für mich in eine ganz eigene Kategorie von intimer Bildästhetik und Geschichtsführung. Er thematisiert Mainstream-Sehgewohnheiten, bespielt sie aber in einem anderen Stil. Dadurch ist er sehr interessant zu verfolgen. Der Filmemacher Xavier Dolan ist außerdem selbst schwul.
    Vorwarnung: er dauert 168 Minuten.

 

 

BLAU IST EINE WARME FARBE (2013)

  • Romantisches Drama
  • lesbian
  • Der Film handelt von einer Liebesbeziehung zwischen zwei Frauen in jungem Alter und ihrer Sexualität. Im Film bekommen Sexualität, Selbstfindung, Liebe und Verlust viel Raum.
  • Blau ist eine warme Farbe ist ein sehr populärer Film geworden und viele kennen ihn. Ich finde es gut, ihn einmal gesehen zu haben. Das französische Filmemachen erlaubt, dass viel Zeit für Identifikationsprozesse mit den Figuren eingenommen werden kann, weil es dem Alltag und den Gefühlen der Figuren ausgiebig folgt. Dadurch erzeugt der Film unter anderem eine intime Atmosphäre.
    Blau ist eine warme Farbe ist aber vor allem durch die expliziten Sexszenen in aller Munde gewesen. Ich finde es interessant, dass und wie Sex gezeigt wird. Allerdings gilt zu überlegen: folgen diese Szenen nicht dennoch dem male gaze? Immerhin sprechen wir von einem männlichen Regisseur, einem männlichen Blick.

 

 

THE DANISH GIRL (2015)

  • Filmbiografie
  • trans
  • Der Film fängt im Jahr 1926 an und handelt von einer Liebesbeziehung und einem Selbstfindungsprozess im (gesellschaftlichen und tatsächlichen) Körper. Er erzählt welche Schritte die Hauptfigur Lili gehen muss, um endlich Lili sein zu können. Zu der Zeit, in der der Film spielt, beinhaltet das auch, dass Transsexualität als Perversion wahrgenommen und mit einer Krankheit gleichgesetzt wird. Viel Kunstszene, viel innerer Kampf, viel Selbstliebe.
  • Für mich war der Film ein Rollercoaster an Gefühlen. Den Prozess, den die Protagonistin erlebt, ihre nicht nachlassende Kraft, ihr Kampf darum, sie selbst sein zu können und unapologetically Raum einzunehmen, finde ich wahnsinnig berührend inszeniert. Darüber hinaus hat mich Eddie Redmaynes (Lili) schauspielerische Leistung in einen Bann gezogen. Vielleicht euch ja auch!

 

 

AJ AND THE QUEEN (2020)

  • Netflix-Serie, Dramedy
  • gay, drag
  • Die neue Netfix-Serie handelt vom Leben der Hauptfigur Robert, die mit finanziellen Schwierigkeiten als Drag Queen Ruby Red in einem Wohnmobil durch die USA tourt. Ein Kind namens AJ begleitet ihn uneingeladen auf seine Reise. Die Verarbeitung einer Trennung, die Drag-Szene und vor allem die Beziehung zwischen Robert und AJ stehen im Mittelpunkt der Handlung.
  • Die Serie ist unterhaltsam und witzig. Ich würde AJ and the Queen außerdem als sehr amerikanisch beschreiben. Sie ist gut anzusehen, wenn man gerade keine Lust auf gefühlsgeladene romantische Dramen hat, aber dennoch im queeren Bereich bleiben möchte. RuPaul, der selbst schwul und eine Drag Queen ist, spielt außerdem nicht nur die Hauptrolle des Robert, sondern hat an der Entwicklung der Serie mitgewirkt.
    Für Fans von RuPauls Drag Race: es gibt viele Gastauftritte von früheren und bekannten Teilnehmer*innen der Show.

 

 

Viel Spaß beim queeren Film- und Serienschauen

 

 

Falls es Anregungen oder Film- und Serienempfehlungen eurerseits gibt, freue ich mich immer über Nachrichten.

 

 

 

 

About The Author


Ani

Ani hat Theater-, Film- und Medienwissenschaften mit dem Fokus auf feministischen Filmtheorien studiert und setzt sich künstlerisch in Form von experimentellen Filmprojekten und Musik mit Verletzlichkeit und Intimität auseinander.